Die Sehnsucht nach einer verlogenen Welt

Buchcover: Die Sehnsucht nach einer verlogenen WeltUnsere Angst vor Frei­heit, Markt und Eigen­ver­ant­wor­tung
Über Gut­men­schen und andere Scheinheilige

478 Sei­ten

2000, C. Ber­tels­mann Mün­chen, ISBN 3570004325
2002, Gold­mann Ver­lag, ISBN 3442151848

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Kurz­be­schrei­bung

Warum ver­trauen wir dem Staat mehr als uns selbst? Statt uns den Her­aus­for­de­run­gen zu stel­len, ret­ten wir uns ver­dros­sen und unzu­frie­den in Wunsch­den­ken und All­tags­lü­gen vom sau­be­ren, flei­ßi­gen Deutsch­land. Gün­ter Ede­rer for­dert Eigen­ver­ant­wor­tung statt Obrig­keits­gläu­big­keit, denn ob Ren­ten­crash, Schul­den­falle oder Bevöl­ke­rungs­rück­gang - die Pro­bleme las­sen sich lösen.

 

Klap­pen­text

Die­ses Buch ist wahr­haft ein ‘Mas­sen­grab für hei­lige Kühe’, für trü­ge­ri­sche Ideo­lo­gien und para­si­täre Lebens­ein­stel­lun­gen… Fas­zi­niert durch seine sou­ve­rä­nen An-, Ein- und Durch­sich­ten.“
FAZ

Eine gran­diose Phil­ip­pika und ein Hohes Lied auf die Eigen­ver­ant­wor­tung des Bür­gers. Auf bei­des lohnt es sich ein­zu­las­sen.“
Mär­ki­sche Allgemeine

Flott zu lesen. Der Autor mei­det jede Fei­er­lich­keit und nennt die Dinge beim Namen … Wen es nach poli­ti­schen Unkor­rekt­hei­ten dürs­tet, der kommt hier auf seine Kos­ten.“
Die Welt

 

Lese­probe

1. Ein Süd­seet­raum
Ken­nen Sie Cap­sa­lay? Wahr­schein­lich nicht. Die­ses traum­hafte Eiland im Süd­chi­ne­si­schen Meer ist selbst auf detail­lier­ten Tou­ris­ten­kar­ten nicht ver­zeich­net. Zusam­men mit mei­ner Frau ver­brachte ich dort vier Wochen, und wir erzäh­len gern von die­sem Urlaub im Para­dies. In Manila lern­ten wir den Besit­zer ken­nen: einen erfolg­rei­chen deut­schen Geschäfts­mann, der mit einer Fili­pina ver­hei­ra­tet ist. Von ihm mie­te­ten wir uns für 50 Dol­lar pro Tag in eine Feri­en­haus­an­lage ein, die ledig­lich aus drei Bun­ga­lows besteht, die mit Mate­ria­lien aus dem Urwald gebaut wur­den. Schon die Reise nach Cap­sa­lay war ein Abenteuer.

Die erste Etappe leg­ten wir mit der Pri­vat­ma­schine des japa­ni­schen Feri­en­clubs El Nino von Manila aus zum Nord­zip­fel der lang gestreck­ten Insel Pala­wan zurück. Dort war­tete eine vier­sit­zige Cessna, die uns in das Zen­trum von Pala­wan nach Roxas brachte. Erst ver­jagte der Pilot im Tief­flug Kühe von der Piste, dann ließ er nach der Lan­dung die Moto­ren wei­ter­lau­fen, wäh­rend wir aus­stie­gen und unser Gepäck ent­lu­den. Andern­falls wären die Räder der Maschine in den moras­ti­gen Boden ein­ge­sun­ken. Von der Piste in Roxas ging es in einem Jeep­ney wei­ter, einem jener bun­ten, offe­nen Vehi­kel, die das Haupt­trans­port­mit­tel der Phil­ip­pi­nen dar­stel­len. Nach 40 Kilo­me­ter Fahrt über das gebir­gige Rück­grat von Pala­wan hiel­ten wir in der weit­ge­schwun­ge­nen Bucht von Bar­ton. Noch ein­mal muss­ten wir umstei­gen, in eine Banka, eines der in der Süd­see übli­chen Auslegerboote.

Nach einer wei­te­ren Stunde hat­ten wir end­lich Cap­sa­lay erreicht. Kein Pla­kat, keine noch so kit­schige Beschrei­bung kann wie­der­ge­ben, wie herr­lich uns die­ses Süd­see­pa­ra­dies vor­kam. Weiß­rosa der Koral­len­sand, der in ein ruhi­ges lau­war­mes Meer über­geht, das in allen Far­ben von Tür­kis­grün bis Azur­blau reflek­tiert. Die Kokos­pal­men nei­gen sich schräg über den Sand zum Meer, spen­den zusam­men mit Kasua­ri­nen Schat­ten. Wir waren die ein­zi­gen Feri­en­gäste, umsorgt von Rosita, einer reso­lu­ten, aber herz­li­chen End­drei­ßi­ge­rin, die das Dut­zend Per­so­nal befeh­ligte, das für unser Wohl­er­ge­hen zustän­dig war. Die Wün­sche wur­den uns von den Lip­pen abge­le­sen: Zum Früh­stück stand der Tisch direkt am Meer, abends in der Nähe des Haupt­hau­ses. Gekocht wurde, was wir uns wünsch­ten oder was das Meer gerade hergab.

Nach Son­nen­un­ter­gang brann­ten noch eine Weile die Petro­le­um­lam­pen, bevor uns der Ster­nen­him­mel des Südens und die Geräu­sche einer unend­lich wei­ten Natur umga­ben. So erzäh­len wir sie gern, die Geschichte von unse­rem Urlaub, den wir allein im Para­dies ver­brach­ten. Die Geschichte ist sogar wahr - jeden­falls glau­ben wir auch schon selbst daran, so oft haben wir sie wie­der­holt und andere damit nei­disch gemacht. Und wenn wir sie vor unse­ren Zuhö­rern aus­brei­ten, dann besteht eine still­schwei­gende Überein­kunft zwi­schen mei­ner Frau und mir, uns diese Erin­ne­rung so zu erhal­ten, wie wir sie gern hät­ten, und ohne dass wir je dar­über gespro­chen hät­ten, wis­sen wir, dass wir nicht die ganze Wahr­heit erzäh­len. Aber unsere Wunsch­vor­stel­lung nach die­sem Stück Para­dies ist so groß, dass wir die Rea­li­tät aus­blen­den, und unsere Erin­ne­rung an Cap­sa­lay ist immer noch so posi­tiv, dass wir regel­recht Sehn­sucht haben nach Cap­sa­lay, nach jener ver­lo­ge­nen Welt.

Die Rea­li­tät: Nach­dem wir aus­ge­schla­fen hat­ten, mach­ten wir ent­lang der etwa zwei Kilo­me­ter lan­gen Bucht einen ers­ten Spa­zier­gang. Wir waren noch nicht weit gekom­men, als ein halb umge­stürz­ter Sta­chel­draht­zaun unse­ren Weg behinderte.

 

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